29 Aug 1756—15 Feb 1763: Siebenjähriger Krieg Im Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 kämpften alle europäischen Großmächte jener Zeit um ein Mächtegleichgewicht und territoriale Gewinne in Europa, um Kolonien und Einfluss in Nordamerika, Indien und Afrika, um die Herrschaft über die transatlantischen Seewege sowie um Handelsvorteile. Im Wesentlichen standen Preußen und Großbritannien einer Allianz aus der Habsburgermonarchie mit dem Heiligen Römischen Reich sowie Frankreich, Russland und Spanien gegenüber. Als Verbündete kamen auf beiden Seiten weitere kleinere und mittlere Staaten wie Kurhannover und Kursachsen hinzu.
Russland war unter der Herrschaft der Zarin Elisabeth (1709–1762) an einer Expansion nach Westen interessiert, wobei ihr Augenmerk auf Semgallen und Kurland gerichtet war. Beide standen unter polnischer Oberhoheit. Für deren Abtretung an Russland wollte Elisabeth das eigentliche Königreich Preußen (später Ostpreußen) besetzen, um es Polen als Tauschobjekt anzubieten.[3] So kam ihr der Krieg gegen Friedrich, für den Österreich Verbündete suchte, gerade recht.
Preußen: Expansion nach Norden, Süden und/oder Osten
Schon als Kronprinz hatte Friedrich II. in einem Brief an seinen Kammerjunker Dubislav Gneomar von Natzmer 1731 das polnische Preußen königlichen Anteils (ab 1773 Westpreußen), das schwedische Vorpommern und Mecklenburg als Ziele zukünftiger Erwerbungen genannt.[13] In seinem (ersten) Politischen Testament von 1752 bezeichnete er zudem den Besitz Sachsens als nützliche und größtmögliche Erweiterung.[14]
Die rasche Besetzung Sachsens und die ersten Siege von 1756 und 1757 schienen Friedrich diesem Annexionswunsch näherzubringen, doch auch nach der Rückeroberung Sachsens durch Österreich und seine Verbündeten und nach der Niederlage von Kunersdorf hielt Friedrich an den in seinem Politischen Testament formulierten Territorialplänen fest. Statt ganz Sachsen wollte er 1759 zumindest die Niederlausitz erhalten und Sachsen dafür mit Erfurt (das zu Kurmainz gehörte) entschädigen. Alternativ hoffte er zumindest auf eine Anwartschaft für die Inbesitznahme Westpreußens nach dem bevorstehenden Tod des kranken sächsisch-polnischen Königs August III.[15] Erst in der ausweglosen Situation des Jahres 1761 bot er einen Waffenstillstand und einen Frieden ohne Abrundungsforderungen auf der Grundlage des Vorkriegsbesitzstandes an.[16] Trotz des 1763 ohne Gebietserwerbungen zustande gekommenen Friedens wiederholte Friedrich auch in seinem (zweiten) Politischen Testament von 1768 die angestrebte Abrundung Preußens mit Sachsen und Westpreußen.
Ostpreußen
Zur Verteidigung Ostpreußens hatte Friedrich II. den erfahrenen Generalfeldmarschall Johann von Lehwaldt mit 30.000 Mann vorgesehen. Am 1. Juli griff eine ca. 100.000 Mann starke russische Armee unter General Stepan Fjodorowitsch Apraxin an. Sie eroberte am 5. Juli nach kurzer Belagerung die Festung Memel. Das nächste Etappenziel war Königsberg. Lehwaldt stellte sich am 30. August in der Schlacht bei Groß-Jägersdorf dem russischen Vormarsch entgegen und wurde geschlagen. Die russische Versorgungslage war aber ohne den Königsberger Hafen so schlecht, dass Apraxin sich wieder aus Ostpreußen zurückzog. Nur in Memel verblieb eine Besatzung.
Bevölkerungspolitische Auswirkungen
Obgleich der Siebenjährige Krieg nicht zu den lang andauernden militärischen Auseinandersetzungen zählte, waren doch enorme Verluste an Menschenleben zu verzeichnen. Allein für den europäischen Kriegsschauplatz werden insgesamt 550.000 Gefallene und durch die Kampfhandlungen tödlich Verwundete registriert. Schlüsselt man die Zahlen der gefallenen Kriegsteilnehmer nach einzelnen Nationen auf, so ergeben sich für Preußen 180.000,[45] für Österreich 140.000, für Russland 120.000, für Frankreich 70.000 und 40.000 für das Königreich Großbritannien und die restlichen Nationen, wie die deutschen Fürstentümer, Schweden, Spanien und Portugal. In etwa gleicher Höhe, also bei über einer halben Million, lagen die Zahlen für die Verluste der Zivilbevölkerung, so für Preußen bei 320.000 und für Österreich bei 160.000.[46] Die Bevölkerungsverluste wurden in Preußen rasch ausgeglichen, 1767 lag die Einwohnerzahl bereits um 111.000 höher als vor dem Krieg. Grund hierfür waren die hohe Geburtenrate, die Rückkehr der Kriegsflüchtlinge und Verschleppten sowie der Zuzug aus dem Ausland, der von der Regierungsseite im Rahmen ihrer Peuplierungspolitik gefördert wurde.